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Lichtbrechungen in der Spekulationsblase
Vom schein-baren Wirtschaften



Schöne neue Wirtschaft - Friedmund Malik (im Jahre 2000)

Die "New Economy" Amerikas fasziniert. Unablässig hören wir vom dortigen Entstehen einer neuen Wirtschaft mit ganz neuen Gesetzmässigkeiten, robust gegen Gefahren und Risiken. Diese Meinung stimmt bisher kaum mit den Tatsachen überein. Es gibt schon Neues, aber ob es die Wirtschaftsgesetze nachhaltig ausser Kraft setzt, bleibt noch abzuwarten.

Amerika hat nicht ein Sozialprodukt, sondern deren drei. Das Volumen des Aktienhandels beträgt etwas über 200 Prozent des Sozialproduktes. Für jeden Dollar, der für Güter und Dienstleistungen bezahlt wird, werden zwei Dollar für Aktien ausgegeben. Auf dieses gewaltige Handelsvolumen werden Kommissionen und Gebühren bezahlt. Würde man diese aus dem Sozialprodukt herausrechenen, wäre die amerikanische Wirtschaft in den letzten fünf Jahren nur wenig, wenn überhaupt gewachsen - das US-Wirtschaftswunder ist vor allem ein Börsenwunder.

Es spricht wenig dafür, dass das ein Normalzustand ist. Der Durchschnitt des Aktienhandelsvolumens beträgt für die vergangenen hundert Jahre nur knapp 30 Prozent des Sozialproduktes. Das letzte Mal, als es Volumina in vergleichbarer Größe gab, war in den späten Zwanzigerjahren. Sie lagen damals bei etwa 135 Prozent. Daraus mag man ableiten was man will - denn jetzt haben wir ja eine neue Wirtschaft!

Wofür wird soviel ausgegeben? Für Unternehmen, die keine Dividende zahlen. Im Hundertjahresschnitt richteten etwa 65 Prozent aller Unternehmen Dividenden aus. Seit 1990 liegt dieser Wert bei 30 Prozent, und zurzeit ist er auf fast 20 Prozent gesunken. Zum ersten Mal scheinen wir auch eine Wirtschaft zu haben, in der jene Firmen am meisten Kaufinteresse finden, die keine Gewinne machen. Aktien von Firmen, die Verluste machen, sind 1999 um gut 50 Prozent gestiegen, jene von Firmen, die Gewinne erzielen, sind um 2 Prozent gefallen. Und wenn man genau hinschaut, dann wollen die Leute auch gar keine steigenden Aktienkurse mehr, sondern nur noch einen steigenden Index. Die Indizes haben zwar fast vertikale Höhenflüge zu verzeichnen, aber 54 Prozent aller an US-Börsen gehandelten Aktien sind 1999 gesunken. Über ein Drittel der Aktien liegen 40 Prozent und mehr unter ihren Höchstkursen. Die Hälfte des gesamten Anstiegs des S&P-Index - 80 Prozent der Gesamtkapitalisierung Amerikas - stammt aus lediglich sieben Werten: Microsoft, Cisco, GE, Walmart, Nortel, Oracle und AOL.

Und womit wird alles bezahlt? Mit Schulden. 6 Prozent negative Sparquote, stagnierende Realeinkommen, Aktienkauf mit Krediten zu 8 bis 12 Prozent Zinsen auf Haus [cf Anmerkungen am Ende des Artikels, insbesondere No 6], Lebens- und Ausbildungsversicherungen, Höchststände von Unternehmens- und Privatschulden. Wenigstens ist der Staatshaushalt saniert und weist einen Überschuss von rund 120 Milliarden Dollar auf. Darf man leise fragen, warum dann die öffentlichen Schulden (Gross Public Debts) von rund 5550 Milliarden Dollar im Fiskaljahr 1998 auf rund 5670 Mrd im Jahr 1999 gestiegen sind und was mit dem Nettoschuldenzuwachs von 120 Milliarden geschehen ist? Hat man damit etwa ein Staatsdefizit in dieser Größe finanziert? Ja! [cf Anmerkung am Ende des Artikels] Und um noch ein Plus vorweisen zu können, werden die Überschüsse der Sozialversicherung in den Staatshaushalt transferiert: Man wird sie ja nicht mehr brauchen, weil alle ständig reicher werden. Durch immer stärker steigende Kurse von immer weniger Aktien von immer mehr Firmen, die immer weniger Gewinne machen und daher immer häufiger keine Dividende zahlen.

Früher hatten Realwirtschaft und Finanzwirtschaft einen engen Zusammenhang. Das Volumen der Finanzwirtschaft stand in klaren Proportionen zum Volumen des Welthandels und der Weltinvestitionen, die es zu finanzieren galt. So ist es nicht mehr. Ob das normal und gesund ist und daher anhalten kann, wird man sehen. Schöne neue Wirtschaft ...

Prof. Fredmund Malik, St. Gallen; aus 'Cash' (Schweiz) vom 14jan2000

Anmerkungen von menkaura:

1) Financial Times Europe, Friday May 30 2003 p15, Avinash Persaud - `Deflation is a matter of national choice'
....
US officials and commentators often exhort the Japanese to inflate their economy. This fails, not because the Japanese are deaf but because Japan is a nation of creditors. If you are a creditor, voting for inflation is on a par with a turkey voting for Christmas.
Arranging the world's biggest economies by their net creditor or debtor status suggests deflation is most likely in Japan, Switzerland, Italy and Germany and least likely in the US, Canada, Australia and the UK. On an international basis, the US's net liabilities to the rest of the world are about 25 per cent of its gross domestic product.
[Leistungsbilanzdefizit im Frühjahr 2003 1.5 bis 1.8 Milliarden $ täglich, finanziert zu einem Gutteil aus Japan, und China s.u. 4)
Nach einer Meldung der FTD vom 04dec2007 belaufen sich die Schulden der US-Wirtschaft auf mehr als 300 Prozent des BIP]
Japan, by contrast, is running a net surplus of about 35 per cent of GDP.
Whether a country as a whole is a creditor or a debtor has much to do with the age and wealth of its population. Since age and wealth are slow-moving factors, this pattern is slow to change and easy to predict. ....
Deflation reduces the value of real assets and raises the value of nominal assets. It is good for currency and bonds with good credit ratings and bad for property and equities in general, especially the equity of companies whose cash flows are small.
....
And therefore in the same issue see article `Deflation sends Japanese investors running to bonds'
....

2) Financial Times Deutschland, Freitag, 30. Mai 2003 p23, Thomas Fricke - Schwindel um den Dollar-Sturz - Die US-Regierung steuert in eine Schwachwährungspolitik, mit der das Wachstum gestützt und das astronomische Außendefizit abgebaut werden soll. Ein riskantes Spiel, das im Desaster enden könnte
....
Kaum eine andere Wirtschaft kauft bei anziehender Inlandskonjunktur so schnell so viele Waren im Ausland. In der Vergangenheit führte ein Plus von einem Prozent bei der US-Nachfrage zu einem Einfuhrplus von 1,6 bis 2 Prozent .... Nach Berechnungen des US-Experten der Dresdner Bank, David Milleker, reagieren etwa die US-Einfuhren rund viermal so stark auf eine höhere Nachfrage wie auf einen niedrigeren Wechselkurs. Will heißen: Je stärker im globalen Vergleich die US-Wirtschaft wächst, desto schneller legen die eigenen Importe zu - und desto langsamer die Exporte in die langsamer wachsenden Abnehmerländer.
Die Konsequenz wirkt bedrohlich. ,,Solange das Wachstum in Übersee nicht höher als in den USA ist, wird es keinen nennenswerten Abbau des US-Defizits geben", so der US-Devisenexperte der Deutschen Bank, Michael Rosenberg .... Laut Dresdner-Ökonom Milleker dürften die US-Firmen ihren Wechselkursvorteil vor allem nutzen, indem sie Importkonkurrenz verdrängen (was auch den Eifer von US-Lobbies erklären könnte, französische Kriegsverweigerer-Waren zu boykottieren). Der Dollar-Sturz drohe ,,wie eine Deglobalisierung zu wirken", sagte Milleker .... Spätestens wenn Europa krisenkursbedingt kein Geld mehr hat, um wie bisher US-Waren zu kaufen, droht der fatale Dollar-Kurs auf die USA zurückzuschlagen .... Bisher habe Bushs neuer Isolationismus vor allem eines gebracht: mehr Unsicherheit für die weltweiten Kapitalmärkte.
Die USA werden ihre Defizite aus vergangenen Exzess-Zeiten am Devisenmarkt nicht wegzaubern können - so polternd die Regierung jetzt auch auftritt

siehe auch hier

3) Nach der spekulationsblase an den aktienmärkten droht - neben der US-leistungsbilanzdefiz(e)itbombe - die spekulationsblase an den immobilienmärkten der falkenstaaten USA, Großbritannien und Spanien zu platzen. Die analoge entwicklung führte Japan ende der 80er jahre in die dauerkrise - die marktkapitalisierung der an der Tokioter börse gehandelten unternehmen fiel von etwa 40% der globalen börsenwerte auf unter 10% in 2002
[Nachtrag dec2007: inzwischen eingetreten in form der "SubPrime"-Krise des US-immobilien- sowie der globalen finanz-märkte]
[Nachtrag 23jan2008: Die WirtschaftsWoche Online (http://www.wiwo.de) schreibt bereits am 04dec2007: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus kostete in den USA im historischen Mittel etwa drei Brutto-Jahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners; dieser Wert ist auf das siebenfache Gehalt gewachsen .... Weltweit sind Papiere im Wert von 1200 Milliarden Dollar mit Subprime-Krediten besichert. Allein darauf drohen Abschreibungen von mehr als 500 Milliarden Dollar. Hinzu kommen noch Abschreibungen auf höherwertige Hypothekenkredite, auf Übernahmekredite und auf andere Derivate. "Genaue Schätzungen gibt es nicht, aber ernst zu nehmende US-Analysen zeigen, dass sich die Abschreibungen insgesamt auf 1000 Milliarden Dollar summieren könnten", sagt Eberhardt Unger, Chefvolkswirt bei Fairesearch in Frankfurt. 1000 Milliarden Dollar - diese Summe würde das gesamte Eigenkapital der etwa 50 größten Banken der westlichen Welt vernichten .... "Die faulen Papiere liegen aber keineswegs nur bei den Banken", sagt Martin Stürner, Vorstand der PEH Wertpapier AG. "Stiftungen, Pensionskassen, einfach alle, die regelmäßig 4,5 Prozent ausschütten müssen, auf dem Markt aber nur 3,2 Prozent bekamen, haben ihre Anlagen aufgepeppt."]
[Nachtrag 18oct2010: Interview mit dem Chicagoer Starökonomen Raghuram Rajan, " Die Sache könnte eskalieren" in "Der Spiegel" 41/2010p86ff
Rajan zu den staatlichen immobilienfinanzierern Fredie Mac und Fannie Mae: der erwerb von immobilien war viel einfacher zu bewerkstelligen als der bevölkerung bessere bildung und bessere aufstiegschancen zu geben - die bürger achteten nicht mehr darauf, dass ihre einkommen nicht gestiegen waren - war doch ihr immobilienbesitz wertvoller geworden. Desweiteren schaffte der immobilienboom zB arbeitsplätze für ungelernte arbeitskräfte]


4) Financial Times Deutschland, Montag, 08. Dezember 2003 p21, Das Kapital - China belastet den US-Arbeitsmarkt doppelt
.... Der Clou ist, dass die Kapitalkosten unter anderem deswegen so niedrig sind, weil China die US-Leistungsbilanz finanziert - und das auch noch mit Zentralbankgeld, wie die seit Ende 2002 von 286 auf 401 Mrd. $ gestiegenen Devisenreserven Chinas zeigen. Konventionelle Ökonomen würden eher argumentieren, dass die entwickelten Länder den Schwellenländern Kapital zur Verfügung stellen, damit diese gedeihen mögen und die Schulden bei größer werdendem Wohlstand dereinst wieder tilgen .... und damit tendenziell die Substitution von Arbeit durch Kapital fördern. Wegen der Verflechtung der Finanzmärkte gilt das prinzipiell auch für Europa ....


5) The Economist Jan 22nd 2009 - A special report on the future of finance. Article "Fixing finance"
.... Some people question whether financial innovation is worth very much these days. Willem Buiter, of the London School of Economics, thinks a stripped-down sort of finance could do most of what a modern economy needs. In a remarkable lecture given in 1984, near the beginning of the boom, James Tobin, a Nobel laureate (and Mr Buiter's former teacher), puts the case. His conclusion is worth quoting:
I [suspect] we are throwing more and more of our resources, including the cream of our youth, into financial activities remote from the production of goods and services, into activities that generate high private rewards disproportionate to their social productivity. I suspect that the immense power of the computer is being harnessed to this `paper economy', not to do the same transactions more economically but to balloon the quantity and variety of financial exchanges ... I fear that, as Keynes saw even in his day, the advantages of the liquidity and negotiability of financial instruments come at the cost of facilitating nth-degree speculation which is short-sighted and inefficient.
....
In the end the argument for embracing innovation is conceptual rather than empirical. As a rule, innovation is a source of wealth. It would be odd if financial services were an exception. Arguments in other fields that there is nothing left to discover have usually proved false. You can imagine how computer technology might lead to further financial innovation, even if it also sometimes creates instability. In addition, Mr Lerner believes that financial services need to be adapted to the economy of which they form part, and the economy is always changing. Foreign-exchange derivatives came into their own, for example, when exchange rates floated after 1971.
And even if you admire stripped-down finance, regulators cannot hold the line for ever. Ultimately, they are likely to lose ground to financiers who will use arbitrage to work their way around the best-laid defences. Hard as it is to acknowledge at the moment, in the teeth of a recession, the judgment of Clément Juglar, a 19th-century French business-cycle theorist, has the ring of truth: "The richness of nations can be measured by the violence of the crises which they experience ..."
Looking back from the pit of recession, it is difficult to recall how the investment banks' pre-eminence and the hedge-funds' wealth could ever have seemed to be the natural order. A time will come when today's fear is equally hard to fathom. Greedy once again, people will wonder why they did not buy shares at that price, why they did not realise corporate bonds were a steal and why they did not foresee a bout of inflation or a weak dollar [What might come concerning the dollar hat US-Notenbankchef Bernanke bereits am 21nov2002 beschrieben, siehe den letzten absatz des abschnittes "Curing Deflation" in seiner Rede "Deflation: Making Sure `It' Doesn't Happen Here", wiedergegeben in http://www.federalreserve.gov/boarddocs/speeches/2002/20021121/default.htm im Original. Ein Bericht über diese Rede auf Deutsch ist zu finden unter http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29399/1.html] .
Such shifts in perception are the result not of madness or criminality, but of individually rational responses to what Keynes saw as the inherent uncertainty in financial markets. Finance feeds on trust and mistrust, and amplifies whichever is ascendant. That is what makes financial markets dangerous.
Just now that probably seems like a reason to tie finance down. And indeed it could be better regulated, as the crisis has shown. But a thoroughgoing effort to tame finance would be futile and could come at a high cost. Frederic Mishkin, a former Fed governor, once called finance "the brain of the economy". The image conjures up power and importance, but it also evokes complexity and fragility. Finance is a remarkable creation. Do not suppress it, but use it wisely
6) (Hintergrund: Spekulation der Finanzmärkte gegen Euro und Griechenland im Februar 2010) " Fakt bleibt jedoch, dass die USA insgesamt in einer ungleich schwächeren finanziellen Position sind als der Euro-Raum. Soeben hat das BEA die nationale US-Nettoersparnis für das dritte Quartal auf minus 3.2 Prozent des Bruttonationaleinkommens revidiert. Im vierten Quartal war die reale inländische Endnachfrage noch schwächer als zunächst geschätzt; sie liegt um mehr als ein Zehntel unter ihrem exponentiellen Trend. Die Sparquote der Verbraucher wurde von 4.6 auf 4.1 Prozent im vierten Quartal revidiert, obwohl die Konsumausgaben niedriger waren als ursprünglich vermutet. Das weitgehend deindustrialisierte Land, dessen nichtfinanzielle Sektoren Schulden von 243 Prozent des BIPs angehäuft haben, ist also nicht mal mehr in der Lage, den Kapitalstock aus eigener Kraft zu erhalten. Pleite."
(Das Kapital - Hollywood und nichts dahinter - Nicht Griechenland, sondern Amerika; Artikel in der Financial Times Deutschland vom 01mar2010 p15)





Und drei Jahre darauf:

Die Malik-Kolumne: Lasst falsche Theorien sterben und nicht Unternehmen
www.manager-magazin.de (Dezember 2002)

Diese Wirtschaftskrise ist wie keine andere zuvor eine Krise des Managements. Sie hat ihre Ursachen in falschen Theorien über Unternehmensführung, die aus falschen ökonomischen Theorien abgeleitet wurden. Aber statt Fehler auszumerzen, versuchen die Verantwortlichen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben
Ihre Anwendung ist begrenzt auf einige - zum Glück längst nicht alle - Großkonzerne und auf die Finanzwirtschaft. Im Großteil der Wirtschaft, nämlich jenen zwei Dritteln, die unabhängig von Rechtsform und Größe unternehmerisch und realwirtschaftlich geführt werden, gab es zwar Lippenbekenntnisse, aber diese Irrlehren wurden nie angewendet.
Ihre schädlichen Wirkungen müssen allerdings von allen mitgebüßt werden. Wir sollten, wie der Philosoph Karl Popper es empfohlen hat, die falschen Theorien ausrotten, statt unsere Unternehmen von primitivem Wirtschaftsdarwinismus in den Ruin führen zu lassen.
Der nachweislich falsch verstandene, dafür umso vollmundiger als "Neo" bezeichnete Liberalismus ist schneller am Ende, als ich es in einem meiner Bücher 1997 vorhersagte und schneller als je ein anderes Ordnungsmodell. Die aus ihm durch falsche Logik abgeleitete Karikatur der Unternehmensführung ist tot. Die Ruinen werden aber noch lange sichtbar sein. Es ist tragikomisch und rührend zugleich, mit welchem verbalen Heroismus nun versucht wird, den Kadaver vor der Verwesung zu schützen. Die dabei zum Vorschein kommenden Denkweisen sind grotesk.

Das System ist gut, nur die Menschen sind schlecht.
Erstens, so hört man, habe nicht das System versagt, sondern die Moral. Das System sei gut, nur einige Menschen seien schlecht. Wer alt genug ist oder die Geschichte kennt, wird hier das Kernargument der unverbesserlichen Marxismusverteidiger wieder erkennen: Das System ist gut, man muss nur die Menschen verändern.
Die Frage muss aber sein, was ein System wert ist, wenn es Leute, denen es so deutlich an Moral mangelt, in so kurzer Zeit in so großer Zahl in so hohe Positionen bringt und sie dort so lange wirtschaften lässt, bis so große Schäden angerichtet sind.
Dass Moral wichtig ist und dass es dafür Regeln braucht, haben die großen liberalen Ökonomen immer behauptet. Die Forderung nach den richtigen Regeln haben die Deregulierer aber verächtlich beiseite geschoben.
Es ist bemerkenswert, dass Neoliberale jetzt altmarxistische Denkgirlanden bemühen, um ihre pseudointellektuellen Besitzstände zu bewahren, statt aus den Fehlern zu lernen, wie es sich für Liberale gehören würde.
Zweitens wird gesagt, man dürfe nicht vom Einzelfall auf das System schließen, dies sei ein induktiver Kurzschluss. Nun dürfen wir zwar vom Einzelfall des versagenden Managers nicht auf alle Manager schließen, das ist richtig und niemand - außer einigen Demagogen - hat es getan.
Der andere Schluss hingegen, vom versagenden Einzelfall der Unternehmensführung zurück auf das System ist erstens nicht induktiv und zweitens ist es die entscheidende Schlussweise, durch die die Wissenschaft vorankommt: Es ist die falsifizierende Beobachtung, die die Theorie zu Fall bringt. Auch das kann man von Karl Popper lernen.
Abgesehen davon geht es längst nicht mehr um Einzelfälle. Praktisch sämtliche, nach Shareholder-Prinzip geführten Unternehmen sind in Schwierigkeiten, während es die anderen nicht sind. Die jüngst an renommierter Stelle beklagten "strategischen Fehlentscheidungen" und "unternehmerisches Versagen" haben ihre Wurzeln exakt darin.

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben
Die dritte Groteske ist der Salto Mortale vom Regen in die Traufe, vom Shareholder-Ansatz zum Stakeholder-Ansatz. Die Ironie der Geschichte will es, dass jetzt - nicht durch Nachdenken, sondern unter dem Druck aktueller Ereignisse - viele der bisher dogmatischen Verfechter der Shareholder-Theorie - einsehend, dass ihre Lehre zu kurz greift - mit staatsmännischer Manier zur großen "Reform" schreiten. Sie besteht darin, dass sie zur Stakeholder-Theorie mutieren - nicht sehend und offenbar nicht wissend, dass es exakt das praktische Versagen des Stakeholder-Ansatzes war, das dem Shareholder Value seine Plausibilität verschaffte.

Der Stakeholder-Ansatz wurde 1952 von Ralph Cordiner, dem damaligen Chef von General Electric, als Antwort auf die Frage entwickelt, wem gegenüber das Management verantwortlich sei. Die Frage war richtig, die Antwort war es nicht. Sie hat zu den Corporate-Raidern der achtziger Jahre geführt und von dort zum nun ebenfalls scheiternden Shareholder-Ansatz. Deutlicher wollte man noch nie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Zur Person: Fredmund Malik gilt als einer der international renommiertesten Management-Consultants und -Lehrer. An der Elite-Uni St. Gallen lehrt der Professor seit 1978 Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Unternehmensführung, seit 1984 leitet er außerdem das Management Zentrum St. Gallen. Malik berät zahlreiche Unternehmen in Fragen des General-Management, der Strategie und der Personalentwickung.

www.manager-magazin.de (Dezember 2002)



Choose again



Profits without honour - Shareholder value has produced distortions reminiscent of Soviet planning
....
When Soviet production units, or the economy as a whole, fell seriously short of the plan, managers and their advisers responded by making the numbers up. It is a wry paradox that today's failures of capitalism so closely resemble yesterday's failures of socialism.
....
How could companies operating in a competive market have continually increased profits more rapidly than the growth of their underlying business? .... The profit of established companies should grow more slowly than the world enonomy, because new businesses are constantly taking share from them .... and the business environment is becoming more competitive, not less.
Analysts at investment banks struggled to square this circle: they explained how the genius of men such as Ken Lay of Enron and Bernie Ebbers of WorldCom had changed the rules of the competitive game. Stalin's statisticians similarly recorded and applauded the heroic endeavours of individual Soviet workers .... They produced a rich tapestry of imaginary feats and bogus figures, like the shareholder value movement 50 years later.
In the capitalist fantasy, companies achieved impossible earnings growth by cutting the fat from their businesses. Only gradually will it emerge how much muscle they cut at the same time. ....
Well established businesses, with strong competitive advantages, can use such tactics to take short-term profits at the expense of future growth. Newer companies without the opportunity have instead employed legitimate accounting wheezes .... But these devices require rising stock markets .... In this more hostile environment companies such as Enron and WorldCom were forced to the conclusion that the only way to produce the numbers the markets required was to invent them.
The danger now is of imploding corporations that disguise the continual erosion of their core business by consolidation and acquisition ....
Great businesses - such as Merck, Procter & Gamble, Shell and Marks and Spencer - were not built in the three-to-five-year time scale of a so-called long-term incentive scheme for managers. The massive shareholder value they generated was a by-product of their competitive strengths, not the object of the business itself, and for that reason was sustainable for long enough to provide our pensions.
Henry Ford - no mean creator of shareholder value - wrote that a business run only for profit would die because it had no long-term reason to exist. He might have been talking about Enron and WorldCom.
[Umso mehr muss dies zutreffen für all die hedge-fonds und sonstigen "Heuschrecken" der finanzwelt. Ein besonders anschlauliches beispiel der geschäftspraktiken dieser lediglich am Profit interessierten marktteilnehmer zeigt der fall des Stuttgarter familienunternehmens und technologiekonzerns M+W Zander (tochter von JenOptik) in den Jahren 2006 und 2007. Verkauft an Springwater Capital, Genf (Martin Gruschka). Dann an den hedge-fonds Absolute Capital Managment - ACM (Florian Homm), dann an die beteiligungsgesellschaft Victory (Ronny Pecik und Georg Stumpf). Siehe Financial Times Deutschland 04dec2007p29 "Schrecken ohne Ende" ]
[ Anmerkung von men-kau-ra: Short Squeeze - Die Wirtschaft schlägt zurück ?
Im Oktober 2008, mitten in der SubprimeKrise, steigen die Aktien der Volkswagen AG (VW) sprunghaft von etwa 200 auf kurzzeitig bis zu 1005 Euro, machen den Konzern damit zum teuersten Unternehmen der Welt. Dabei schätzen Analysten den realen Wert der Aktie auf 80 bis 150 Euro.
Porsche hatte Monate zuvor angekündigt, eine maßgebliche Beteiligung an VW anzustreben und begonnen, Aktien zu erwerben. Im Oktober 2008 gibt Porsche bekannt, 42.6 Prozent der VW-Stammaktien zu halten, und zusätzlich über Banken Zugriff auf weitere 31.5 Prozent an "cash-settled Options" zu halten, insgesamt also 74.1 Prozent.
Weitere 20.2 Prozent der VW-Aktien werden vom Land Niedersachsen gehalten. Mithin bleiben lediglich 5.7 Prozent der VW-Aktien auf dem Markt (Streubesitz). Da HedgeFonds auf fallende Kurse der VW-Aktie gesetzt hatten, sind gleichzeitig schätzungsweise 15 Prozent der Stammaktien an Leerverkäufer verliehen. Dies führt zu einer starken Nachfrage und dem überhöhten Kurs. Porsche kündigt am 29oct2008 an, je nach Marktlage VW-Stammaktien in Höhe von bis zu fünf Prozent aus der Auflösung besagter Kurssicherungsgeschäfte auf den Markt zu bringen um weitere Turbulenzen des VW-Kurses zu verhindern.
Bei einem sich im Nachgange der Turbulenzen auf etwa 400 Euro einpendelnden Kurs entsprechen 5 Prozent der Aktien einem Sechstel der über die Banken für, wie zu hören war, je 100 Euro gesicherten Stammaktien. Damit finanziert sich der Kauf des Konzernanteiles von 31.5 Prozent nahezu selbst, da der Verkauf dieser 5 Prozent Aktien den Bankenpreis von 15 der verbleibenden 26.5 Prozent einbringt. Porsche, bereits zuvor als Gegner kurzfristigen "Quartalsdenkens" in Erscheinung getreten, hat damit die Hedgefonds auf ihrem eigenen Terrain geschlagen ]


John Kay in The Financial Times Europe, June 29 / June 30 2002


Choose again


Reicht die Hierarchie bis unter die (Netz-)Haut?

Arbeit und soziale Inklusion - Richard Sennett
...
Vielleicht sieht es so aus, dass die flexible Bürokratie einfach eine Rückkehr zu den Instabilitäten eines früheren, anarchischen Kapitalismus Balzacscher Prägung ist, aber das ist nicht ganz richtig. Unter den konvulsivischen Bedingungen des Kapitalismus im 19. Jahrhundert suchten Investoren wie J.P.Morgan oder Rockefeller nach Möglichkeiten, die Aktivitäten der Unternehmen vorhersagbar zu machen; Stabilität war das Ziel des Monopolkapitals. Heute wird das Finanzkapital eher von jenen Unternehmen angezogen, die bereit sind, sich umzustrukturieren oder sich neu zu erfinden; Firmen, die in den Strom unvorhersehbarer Veränderungen eintauchen wie zum beispiel Internet-Firmen, sind für Investoren viel attraktiver als stabile Unternehmen, selbst wenn letztere viel profitabler sind - sie versprechen nichts Neues

...

Doch flexible Bürokratien spalten ihre Befehlsfunktion von ihrer Leitungsfunktion. Ein innerer Kern setzt Produktions- oder Profitziele, gibt Befehle für die Reorganisation bestimmter Aktivitäten und überlässt es dann den isolierten Zellen oder Teams im Netzwerk, diese Direktiven - so gut wie es jeder Gruppe gelingt - zu erfüllen. Denen, die außerhalb des Elitecorps stehen, wird gesagt was sie erreichen sollen, aber nicht, wie sie es erreichen können. High-Tech-Unternehmen wie Microsoft, die auf mental work beruhen, praktizieren diese Trennung genauso wie Low-Tech-Industrien wie Allied Signal. Der Ökonom Bennet Harrison charakterisiert diese Spaltung als eine Konzentration des Befehls ohne eine Zentralisierung der Leitung

...

Andererseits unterscheidet sich die flexible Firma von Webers Modell der militärischen Befehlskette: Wenn die Offiziere, die die Befehle geben, dann auch auf dem Schlachtfeld bleiben, um sie auszuführen, verdienen sie sich den tiefen Respekt ihrer kämpfenden Truppen. Der Trend im modernen Management ist der, erst zu befehlen und dann abzureisen; das Management opfert Autorität und Führungsqualität, um sich selbst zu schützen. Auf der anderen Seite legen flexible Firmen genau in ihrer Struktur wenig Wert auf kollektives Überleben mit einer langfristigen Zeitperspektive. Sowohl Autorität als auch Solidarität welken, wenn die Last des Überlebens auf Individuen verlagert wird
...
[Wolf Lotter in
`brand eins' 04/2005 p50ff, Stoffwechsel:
Die Frage ist ohnehin eine andere: Was killt die alte Hierarchie? Die meisten Menschen suchen nämlich kein neues Organisationsmodell, sondern Dinge, die es im alten System nicht gibt: Freiheit, Respekt, Anerkennung, eine Chance. All das fällt nicht vom Himmel.
.... Respekt ist der Feind der Beliebigkeit, also dem, was Gleichheit wirklich meint, aber Respekt ist auch der Feind der Hierarchie, die einfach ist, wie sie ist.
`Eine Hierarchie darf sich nicht zur Kenntlichkeit entstellen' (Reinhard K. Sprenger). Das wäre der verhasste Machtmissbrauch. ]


Ich glaube, dass die soziale Kohäsion in der Arbeit insgesamt abnimmt, weil die soziale Ehre, die am Status des Angestellten haftet, abnimmt. Heute symbolisiert eher der Unternehmer als der Angestellte ehrenhafte Arbeit. In brutalen Fakten: Es gibt weit weniger Menschen, die Unternehmer sind, als Menschen, die Angestellte sind, und die meisten Versuche, sich selbständig zu machen, scheitern; in den USA, wo der self-made man zu Hause ist, gehen über neunzig Prozent der neu eröffneten kleinen Firmen innerhalb von drei Jahren bankrott. Die meisten von uns sind dazu bestimmt, als Angestellte zu arbeiten, und das bedeutet, dass wir darauf angewiesen sind, von Organisationen abhängig zu sein, und dass wir innerhalb dieser Organisationen von Menschen mit mehr Macht abhängig sind. Diese Realität wird mit jener Kultur der sozialen Ehre, die den modernen Kapitalismus durchzieht, fundamental aus den Angeln gehoben. Und aus diesem Grund glaube ich, dass die fundamentale Aufgabe einer Sozialreform heute darin liegt, die Würde von Männern und Frauen als Arbeitnehmer wiederherzustellen.

Richard Sennett, in `Geschichte und Zukunft der Arbeit', Jürgen Kocka u. Claus Offe (Hrsg), Campus, Frankfurt/New York, 2000

[Armin Nassehi in `brand eins' 04/2005 p60ff; Wollen, was wir sollen:
Die Paradoxie des Führens besteht darin, Leistungsfähigkeit freizusetzen, ohne zu wissen, worin diese genau besteht. .... Die rein sachliche Führung kennt nur die Gesamtlösung, sie weiß immer schon, was wo geschehen muss. Die Führungskräfte von heute wissen das nicht - und kompensieren ihr Nichtwissen durch einen ästhetischen Kommunikationsstil, der auf die Eigendynamik der jeweiligen kleinen Lösung setzen muss ....
Ein wenig ähnelt diese Umstellung des Führungsdiskurses der Entwicklung bürgerlicher Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert. Deren unglaublicher Erfolg bestand darin, dass den Menschen weder befohlen wurde, was sie zu tun haben, noch dass sie schlicht taten, was sie wollten. Sie hatten sich vielmehr an Hierarchien, an Autoritäten abgearbeitet - an geistlichen und moralischen Standards, an Besitzklassen. Was den Bürger zum Subjekt machte, war jene Lebensform, in der man wollte, was man sollte - das ist der Prototyp des klassischen politisch-öffentlichen Diskurses ebenso wie der des Unternehmertums.
.... Die Hierarchie von heute rechnet mit Menschen und Kommunikationsformen, die die Logik des Handelns nicht aus der Hand geben, mit Menschen, die wollen, was sie sollen. Zu wollen, was man soll, setzt allerdings Hierarchien voraus, die das Sollen symbolisieren, zumindest inszenieren - auch wenn sie oft genug nicht einmal wissen, was es ist.
.... Erstaunlicherweise scheint es heute nur noch in Unternehmen und Verwaltungen überhaupt denkbar und legitimierbar zu sein, die notwendige Illusion einer Hierarchie zu etablieren, in der eine Idee davon entsteht, zu wollen, was man soll. Andernorts, im öffentlichen raum etwa, in Erziehung und Familie, in Kunst und Kultur, in ethisch-moralischen Diskursen scheint so etwas nicht mehr möglich zu sein.
Das als die Erfüllung der Freiheitsversprechen der westlichen Moderne zu feiern, ist über alle Maßen naiv. Es stellt die Welt auf den Kopf. Und sollte zu denken geben.
]


[Torsten Riecke im Handelsblatt vom 17apr2014, p60ff, Die große Zerreißprobe
Nicht nur der Papst, auch Ökonomen warnen: Die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm ist die größte Gefahr für die Weltwirtschaft - und die marktwirtschaftliche Ordnung. Wie lässt sich das Problem lösen, ohne die Freiheit des Einzelnen einzuschränken?
Und das ist kein Problem semi-seriöser Schwellenländer, wo Eliten schnell zu Geld kamen und diese Chancen auf Kosten der Mehrheit nutzten - der russische Oligarch, der chinesische Bürokraten-Milliardär, der lateinamerikanische Boss haben Gesellschaft aus den Zentren der westlichen Marktwirtschaft bekommen: Investmentbanker, die irrwitzig reich wurden, Manager, die sich zu Vermögenden machen, Internetgröszlig;en, die den Hype ums Netz in Milliarden fürs eigene Depot ummünzten. Gleichzeitig stagnieren oder sinken die Einkommen der Mittelschicht. ....
Die Technologie, Motor des menschlichen Fortschritts, könnte .... zu einem Keil werden, der unsere Gesellschaft in wenige Gewinner und viele Verlierer spaltet. Welche gravierenden Folgen das haben kann, hat Ralf Dahrendorf Ende der 90er-Jahre beschrieben: " Es ist schwer zu sagen, an welchem Punkt Ungleichheiten Solidarität in einer Gesellschaft zerstören. Sicher aber ist, dass keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen."
Und der weise Lord warnte: "In modernen Staatsbürgergesellschaften bedeutet solcher Ausschluss die praktizierte Leugnung von sozialen Grundwerten. Das heißt aber, dass eine solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, dass ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten." ....
Angesichts dieser Risiken wundert es nicht, dass der Global Risk Report des World Economic Forums die soziale Ungleichheit bereits als das größte Risiko der nächsten Dekade ausgemacht hat. "Die Führungskräfte in Wirtschaft und Politik sollten im Kopf behalten, dass in viel zu vielen Ländern die Früchte des Wachstums viel zu wenigen zugutekommen", kritisierte IWF-Chefin Christine Lagarde in Davos. ....
Aus dieser Armutsfalle fand die Weltwirtschaft jedoch einen Ausweg, der die These des amerikanischen Ökonomen Simon Kuznets zu bestätigen scheint: Ungleichheit wächst demnach zunächst parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung, sinkt dann aber rapide. ....
Wenn eine Wirtschaftsordnung solche Exzesse produziert, muss der Fehler im System liegen, meinten die neuen Kapitalismus-Kritiker, zu denen selbst Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der konservativen "FAZ" zählt. Nicht nur die Marktwirtschaft hat seitdem ein Legitimationsproblem, auch die führenden Eliten werden immer weniger akzeptiert. Prominente Fälle von Steuerhinterziehung und Bilanzbetrug haben ihr Ansehen noch weiter beschädigt. In Russland, China und Indien ist vor allem die Korruption zwischen Wirtschaft und Politik zu einem Krebsgeschwür der Gesellschaft geworden. Der "Economist" warnt vor einem neuen Zeitalter des "crony capitalism".
Dass davon auch die reichen Industrieländer nicht frei sind, zeigen die Hunderte Milliarden Dollar, die von den westlichen Regierungen in marode Banken gepumpt wurden. Staat und Finanzindustrie sind längst eine Schicksalsgemeinschaft eingegangen.
Besonders eng sind die Bande zwischen Geld und Macht in den USA. Gerade erst hat der Oberste Gerichtshof in Washington die Regeln für politische Spenden weiter gelockert. ....
Bereits in der 30er-Jahren hat der liberale britische Ökonom John Maynard Keynes konstatiert, dass die ungleiche Einkommensverteilung "zu den hervorstechendsten Fehlern unserer Wirtschaftsordnung" gehört. US-Nobelpreisträger Krugman formuliert es heute noch deutlicher: "Der amerikanische Kapitalismus in seiner heutigen Form unterminiert das Fundament der Mittelklasse-Gesellschaft." ....
Das Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen ....
Doch Buffetts Sohn Peter reicht das [Spenden von Bill Gates, Warren Buffets und anderen für wohltätige Zwecke] nicht aus: " Das dient nur dazu, das schlechte Gewissen zu beruhigen. Aber zugleich wird die bestehende Struktur der Ungleichheit zementiert. Es wäre besser, das Geld dafür auszugeben, diese Strukturen zu zerschlagen.".
Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds brechen deswegen nun mit einem lange gepflegten Dogma: Sie wollen dem Prinzip der Umverteilung das Stigma nehmen, das ihm liberale Ökonomen und Politiker über Jahrzehnte angeheftet haben. "Je größer die Ungleichheit ist, desto geringer und instabiler ist das Wirtschaftswachstum", sagt IWF-Research-Direktor Jonathan Ostry.
Umgekehrt sei das Wachstum in Ländern mit einer ausgeglicheneren Einkommensverteilung meist höher. Eine moderate Umverteilung von Reich zu Arm nütze dem Wachstum. Die Forscher stützen sich dabei auf Einkommensdaten aus Entwicklungsländern und Industrienationen (siehe hierzu auch
Thomas Piketty) ]


Die Geldmenge
Wie zuviel des Guten schaden kann
oder
Wie Leistungsbilanzdefizite und defizitäre Staatshaushalte die Weltwirtschaft bedrohen
und
Wie das mit der Inflation der Preise für Kunst zusammenhängt

How liquidity may take its toll on value of assets world-wide
The Wall Street Journal, Friday - Monday, May 25 - 28, 2007
Money & Investing, breakingviews.com, p17f
Martin Hutchinson, John Foley, Una Galani

Alan Greenspan's warning that China's stock market is in for a "dramatic contraction" applies to many other markets, too. World liquidity is sharply higher than a decade ago, and the former U.S. Federal Reserve chairman bears much of the responibility. He's right to warn about China. But fallout from the bursting of this global bubble won't be confined to one country.
One measure of the growth in liquidity is global central-bank reserves. These have risen to $5.8 trillion [Europa/Deutschland: Billion] from $1.6 trillion over the past decade, more than doubling as a share of gross world product. That additional cash was produced by excessive money-supply creation in most leading economies. While these reserves don't by themselves force up share prices, their growth demonstrates the rapid increase in world liquidity.
Economies depend on a stabel monetary system to send appropriate price signals to producers and consumers. But with the M3 [Geldmenge M3 = bargeld, einlagen auf girokonten, tagesgelder, termingelder, geldmarktfonds und spareinlagen mit 3monatiger kündigungsfrist.     M1 = bargeldumlauf und sichteinlagen, M2 = M1 + termineinlagen mit laufzeit <= 2 jahre, M3 = M2 + marktfähige geldmarktpapiere (marktfähig = an börse gehandelt) ] measure of money supply rising at close to 10% annualy in the U.S. over the past dozen years, and world central bank liquidity growing by 13.8% annually, the system is anything but stable.
Normally, such excessive money creation would have produced inflation. But this time, it coincided with a communications revolution that lowered global production costs. Previous revolutions of this nature, like the one brought by the railroads, steamships and refrigeration in the 1880s, produced price declines. This one has merely offset the inflationary pressures caused by the increase in money supply.
Consumer-price inflation has remained quiescent world-wide, but asset prices, corporate profits and the incomes of the controllers of capital have skyrocketed. Nothing suggests that these changes are permanent. They are simply a temporary distortion caused by excessive money creation. This may eventually cause a collapse in returns and a global recession.
Since most of the world has shared in the explosion of liquidity and asset prices, it will share in any subsequent collapse. At that point, Mr. Greenspan, the creator of excessively loose monetary policies in the world's largest economy, will have nowhere to hide.
Hedging Art
As an asset class, modern art has been the preserve of the brave or foolhardy. But recent high prices for artworks are creating an investment bandwagon. Last week, Rothko's "White Center" set a record for postwar art sold at auction, selling at Sotheby's for $73 million. The previous record, for a Bacon painting of a pope, was only 10 minutes old.
What's driving the modern-art frenzy? One answer is that the world's rich are getting richer, thanks to sky-high commodity prices and stock markets. New multimillionaires, from emerging-market moguls to buyout-fund barons, want baubles to parade, and maybe to profit on later. The more entrepreneurial they are, the more they lean toward risky modern artists.
Currently, the modern-art market is in a virtuous circle [no misprint, not "vicious circle"]. More wealthy people means more buyers. Meanwhile, iconic works have a scarcity value, since they come to the market rarely, if at all.
But the art world has been here before. In the late 1980s, Japanese buyers piled recklessly into Impressionist paintings. Many of them had used an overheated property market to borrow cash. When property crashed, art prices went with it. The European Impressionists index, compiled by Art Market Research, more than halved in a year.
Can the new generation of investors hedge their taste for risky art? You can't short [to short = leer verkaufen im jargon der hedgefonds-branche; anlagestrategie in unternehmen, welche als absturzkandidaten ausgemacht sind, (cf `short position' und `long position') ] a Rothko, of course. But you can short some of the macro factors driving global wealth creation and fueling the appetite for his paintings. That's what one new Guernsey-registered hedge fund, the Art Trading Fund, hopes to do using exchange-traded options.
But the art market's new highs aren't just the result of high commodity prices. Much of the demand comes from hedge-fund managers, deal makers and private-equity partners, high on fees. Maybe a more specific hedge would be to short these sources of global wealth. "Buy Bacon, short Blackstone" might soon be the smart trade.
Hanson Delivers
James Hanson is known as one of the raciest takeover artists of his generation. ....
[rest of article omitted, i.e. about 1/3] ...


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